„Unterm Strich“- Buchlesung von Peer Steinbrück im Hildener Bahnhof

„Kritik darf nicht überspringen in Verachtung“Immer mehr Menschen strömen in das schmucke Restaurant im Hild

ener Bahnhof. Stühle müssen herbei geholt werden. Doch für einen Teil der fast 200 Besucher bleibt schließlich nur ein Stehplatz. Peer Steinbrück liest. Doch das ist nur der Anlass.

„Unterm Strich“ heißt das Buch, das Steinbrück im Jahr nach seiner Zeit als Bundesfinanzminister geschrieben hat, zum einen über die Vorgänge rund um die Finanzkrise. Aber es geht um viel mehr: um Parteien, um Demokratie und um Medien.

Peer Steinbrück zeigt, dass es doch noch Menschen gibt, die sich für Politik interessieren. Die an einem Sonntag Vormittag sich aufmachen zu einer Lesung aus einem politischen Buch. Und die auch zwei Stunden später noch nicht Lust haben, nach Hause zu gehen, die weiter reden, weiter diskutieren wollen.
Das Lesezeichen in dem Buch, das ein junger Mann vor sich auf den Tisch gelegt hat, zeigt, dass er schon fast durch ist mit den 480 Seiten „Unterm Strich“. Ein paar Passagen liest Peer Steinbrück auch vor, aber es ist vielmehr das Gespräch, das er mit dem Moderator Dieter Schneider-Bichel von der NRZ führt, das die Zuhörer fesselt.

Der Journalist kann es sich nicht entgehen lassen, die in den Medien aufgebrachte „K-Frage“ zu stellen, die nach dem Kanzlerkandidaten. „Absurd“ findet Steinbrück die Diskussion „ein Jahr nach einer verlorenen Wahl“. Das aber sei das Spiel der Medien. Und die Zeugen einer solchen Diskussion sollten ja nicht vergessen: Eine Diskussion, die für einen Kandidaten geführt werde, die richte sich schließlich ja auch immer gegen jemanden. Der Kandidat der SPD solle ein Jahr vor der nächsten Wahl bestimmt werden. Und bis dahin sei noch viel Zeit.
„Die Krise ist noch nicht vorbei. Aber vielleicht haben wir das Gröbste hinter uns.“ Der Satz, der eigentlich der Finanzkrise gilt, könnte aus Steinbrücks Sicht auch für die SPD stehen. „Die SPD wird nicht wieder mehrheitsfähig, indem sie Minderheitsthemen addiert“, sagt Steinbrück. Sondern seine Partei müsse auch den „Lasteseln des Sozialstaates“, den Menschen, die die Steuern zahlten, größere Angebote machen.

Er nehme wahr, dass die politische Klasse als langweilig empfunden werde, dass Menschen, die in Parteien Karriere machen, nicht unbedingt die sein müssen, die bei der Bevölkerung ankommen.
Peer Steinbrück aber warnt ausdrücklich: „Parteien-Kritik darf nicht überspringen in eine breit angelegte Parteien-Verachtung“. Die Verhöhnung der Parteien in der Weimarer Republik sei ein warnendes Beispiel dafür, wohin diese Tendenzen führen könnten.

Dennoch müsse die Politik bereit sein, sich zu öffnen, ihre Selbstbezogenheit verlassen. „Parteien sind im letzten Jahrhundert stehen geblieben“, wobei der SPD-Mann die Grünen ausnimmt. Deren Umfrage-Hoch sieht Steinbrück unter anderem darin begründet, dass die Grünen in allen Lagern Wähler gewinnen könnten, bei Konservativen ebenso wie bei Sozialdemokraten und Liberalen.

Politik und Medien: Eheähnliches Verhältnis

Peer Steinbrück widmet dem Verhältnis von Politik und Medien im Buch wie der Lesung im Hildener Bahnhof viel Zeit: „Jedes Thema wird behandelt wie ein Bundesligaspiel“, sagt er, „es geht ímmer um die Frage, wer gegen wen?“ Wer der Sieger sei und wer der Verlierer.

Steinbrück hat eine Personalisierung, Skandalisierung und eine Banalisierung ausgemacht. „Das geht zu Lasten der Inhalte“. Zeitungen wie Sender seien mehr und mehr von Auflage und Quote abhängig, was zu einer „Ökonomisierung der Medien“ geführt habe.

Politik und Medien leben dem früheren Minister zufolge in einem „eheähnlichen Verhältnis“, sind aufeinander angewiesen. So komme es immer mehr zu Schau und Show, dazu, dass Politiker sich selbst inszenierten und Medien nicht mehr nur Nachrichten vermeldeten, sondern sogar selbst konstruierten, weil sie nun mal immer wieder etwas Neues vermelden müssten. Unterm Strich – eine gefährliche Tendenz.

Zugleich aber gebe es in Deutschland noch beispielhaften Qualitätsjournalismus verbunden mit einer lokalen Verankerung, der besser sei als in den meisten europäischen oder nordamerikanischen Ländern.
Immer wieder beklagten Medien, dass Politiker der Gegenwart konturenarm seien, keinen Klartext mehr redeten. „Wenn sie dann aber Klartext reden, dann werden sie von den gleichen Medien vorgeführt“, zeigt Steinbrück auf. Genau das aber führe dazu, dass ein Politiker, der das drei- oder viermal erlebt habe, immer angepasster und in seinen Aussagen immer risikoärmer würde. So hätten die Medien dann die Figur erschaffen, die sie selbst beklagten.

Nach zwei Stunden Politik im Hildener Bahnhof muss Moderator Schneider-Bichel abbrechen, damit Peer Steinbrück noch die Bücher signieren kann, die viele der Menschen gleich von zu Hause mitgebracht haben.

 

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